Das Mädchen von ’58

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In „Erinnerung eines Mädchens“ schreibt sich Annie Ernaux ihre Vergangenheit von der Seele – eine berührende Erzählung über Lust, Freiheit und Unterwerfung.

Es muss Annie Ernaux viel Überwindung gekostet haben, das merkt man ihr in jeder Zeile an: Überwindung, sich dem Mädchen bzw. der jungen Frau zu nähern, die sie 1958 gewesen ist. Ihre Distanz zu jenem Jahr geht so weit, dass sie zunächst sogar sprachlich streng zwischen „Ich“ – der Annie aus der Gegenwart – und „sie“ – dem Mädchen von 1958 – unterscheidet. Behutsam, wie auf Zehenspitzen umkreist sie die Geschehnisse von vier Jahren ihrer Jugend, die für ihr weiteres Leben eine so große Bedeutung hatten und die doch unter dem Geröll der folgenden Jahrzehnte verschüttet wurden. Sie gräbt sich wortwörtlich durch die Schutthaufen der Erinnerung, bis sie sich dem Kern ihres „alten Selbst“ soweit genähert hat, dass sie ihm aufrecht in die Augen schauen kann. Was ist damals passiert?

Einmal, im Ferienlager…

Im Sommer 1958 wird Annie, die damals noch Duchesne mit Namen heißt, 18 Jahre alt; volljährig ist sie damit noch nicht, das wurde man zu der Zeit in Frankreich, wie in Deutschland, erst mit 21. Und trotzdem bildet diese Zahl eine Grenze zwischen dem jungen, unschuldigen Mädchen und der angehenden, erwachsenen Frau – davon ist zumindest Annie überzeugt. Als sie eine Stelle als Betreuerin in einem Ferienlager bekommt, verlässt sie zum ersten Mal für längere Zeit ihr Elternhaus, in dem sie behütet wie eine Prinzessin aufgewachsen ist. Und wie das oft so ist, wenn man zum ersten Mal alleine unterwegs ist: Man erfindet sich neu, weil einen niemand kennt, man möchte „etwas erleben“. Im Falle von Annie, und das kommt vielen Leser*innen sicherlich bekannt vor, ist es der Wunsch nach einem ersten Liebesabenteuer.

Das gestaltet sich allerdings anders, als sie sich in ihrer mädchenhaften Naivität ausgemalt hatte: Schnell gerät sie in die Fänge des Chefbetreuers H, der ihre Unwissenheit schamlos ausnutzt und sich an ihrem Körper befriedigt. Annie, in sexuellen Dingen nun wirklich noch ein unbeschriebenes Blatt, macht mit, lässt es sich gefallen, findet sogar ein wenig Gefallen daran, prahlt im Anschluss damit, dass sie „die ganze Nacht mit H geschlafen hat“, obwohl es – auch das gesteht die Autorin sich mit dem Abstand von fünfeinhalbt Jahrzehnten ein – gar nicht zur Penetration gekommen ist. Dass diese Form der sexuellen Initiation keineswegs normal ist, weiß sie in dem Moment nicht:

„Sie unterwirft sich nicht ihm, sondern einem universellen Gesetz, dem Gesetz der wilden Männlichkeit, dem sie früher oder später begegnen musste. Und wenn dieses Gesetz brutal und dreckig ist, dann ist das eben so.“

Ihre Eskapaden – als behütete Klosterschülerin hätte man diese sicherlich nicht von ihr erwartet – breiten sich im Ferienlager aus wie ein Lauffeuer, sie wird offen verachtet und zum Gespött der anderen Betreuer*innen, lässt sich trotzdem von anderen Männern anfassen und weiß es einfach nicht besser. Ihre emotionale Abhängigkeit, ihre Gefügigkeit zu H bleibt. Es ist nur ein Sommer, doch er prägt das gesamte Leben von Annie Duchesne.

Wie nähert man sich aus dem Abstand von fast 60 Jahren seinem früheren Ich? Kann man es nach all den Dekaden der Verdrängung überhaupt noch fassen, die Gedankengänge reproduzieren und – das Wichtigste – Freundschaft schließen, trotz all der moralischen Verfehlungen? Wie umgehen mit dem Gefühl von Schuld und Scham, das Annie Ernaux offensichtlich bis in die Gegenwart verfolgt?

„Der Gedanke, ich könnte sterben, ohne über das Mädchen geschrieben zu haben, das ich sehr früh ‚das Mädchen von 58‘ genannt habe, lässt mir keine Ruhe. Eines Tages wird es niemanden mehr geben, der sich erinnert.“

Erinnerung eines Mädchens ist nicht eine simple Erinnerung an die wilden Zeiten als Teenager, es ist ein tiefes Eintauchen in die Urgründe der Persönlichkeit und die Frage, wie man zu dem wird, der man ist; es ist eine Rechtfertigung, eine Versöhnung, eine Erklärung und vielleicht auch ein Abschied. Es ist ein Buch, das den Finger auf so manche Wunde in der eigenen Vergangenheit legt – und gleichermaßen ein großes Stück Literatur.

Annie Ernaux
Erinnerung eines Mädchens
Suhrkamp Verlag, 2018
Gebunden, 163 Seiten, 20,-€

Erschienen am 15. Januar 2019 bei „Fräulein Julia“

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