„Freiraum“: Die Suche nach einer Alternative

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Ist das Leben in einer kommunenartigen Wohngemeinschaft eine echte Alternative? Svenja Gräfen legt mit „Freiraum“ eine ernste, aber durchaus humorvolle Antwort vor.

„Also, die Idee hier ist, tatsächlich eine Alternative zu schaffen. Freiraum. Einen Ort, an dem es um mehr geht als um so ein Nebeneinanderher. Das heißt sich umeinander zu kümmern, sich zu unterstützen. Und in erster Linie auch ein Ort, an dem man überhaupt wohnen kann.“

Eine Großstadt in Deutschland, vielleicht ist es Berlin, vielleicht auch nicht: Hier leben Maren und Vela, ein lesbisches Pärchen um die dreißig. Noch hausen sie in einer unrenovierten und überteuerten Altbauwohnung mit Teppichboden statt Dielen an einer lauten Straße, schon lange sind sie auf der Suche nach einer bezahlbaren Alternative im Stadtzentrum. Doch das gestaltet sich ungefähr so leicht wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Bis Maren einfällt, dass ihre Schwester Jo schon länger auf dem Land wohnt, mit Freunden und Bekannten in einem großen Haus inmitten von Feldern und Wäldern. Und dass dort ein Zimmer freigeworden ist. Wieso also nicht raus aus der Stadt, die Anbindung ist doch gut, frische Luft kann auch nicht schaden? Außerdem wollen sie gemeinsam ein Kind großziehen, per Samenspende gezeugt, und da ist Natur ja auch nett.

„Letztlich sind wir schon so etwas wie eine Kommune. Wobei wir lieber sagen: Wir sind eine Gemeinschaft“

Gemeinschaft, das sind in diesem Fall Jo und ihr Freund Karsten plus kleiner Tochter, Nat und Derek, Ellen und Theo. Letzterem gehört das Haus, er hat es von seinen Eltern geerbt und gibt sich immer mal wieder gerne als Oberhaupt des Wohnprojekts aus. Vela ist er von Anfang an irgendwie suspekt, sie kann ihn nicht durchschauen und hat das Gefühl, als spiele er ein doppeltes Spiel. Und damit hat sie nicht unrecht. In der vordergründig so basisdemokratisch organisierten Gemeinschaft verstecken sich so einige Geheimnisse, die das soziale Gefüge unweigerlich zur Implosion bringen und die Tassen mit selbstgebrautem Kräutertee wütend über den wettergegerbten Holztisch geworfen werden.

„Ich lebe selbst in keiner Wohngemeinschaft dieser Art“, erzählte Svenja Gräfen auf der Premierenlesung im ocelot-Buchladen, dafür schildert sie die Atmosphäre, die Strukturen, die Formulierungen und Diskussionsthemen aber ziemlich passgenau – wer bisher auch nur ansatzweise mit Lebensgemeinschaften dieser Art in Berührung gekommen ist, wird sich ein dickes Schmunzeln nicht verkneifen können. Sie taucht tief ein in die Gefühlswelt der Erzählerin – Vela -, lotet sie in all ihren Ängsten, Zweifeln, Erwartungen und Hoffnungen aus. Ob wir dieser vollständig vertrauen können oder sie in gewissen Dingen übertreibt, bleibt offen.

So wie man sich in der Kommune um absolute Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen bemüht, holt die Autorin ebenfalls alles aus der Diversity-Kiste, was möglich ist: Hetereo-, Homo- und Bisexualität, Monogamie und Polyamorie, Samenspenden, Affären, verflossene Liebschaften – möglicherweise hat sie damit den politisch korrektesten Roman geschaffen, der je geschrieben wurde? Dass stört aber nicht, ganz im Gegenteil, es rundet das Gesamtbild ab. Eingebettet sind die verschiedenen Themen in eine sanfte, strukturierte und exakte Sprache, die wenig Raum für Interpretation lässt. Manchmal ist das ein wenig anstrengend:

„Laub hat sich hier gsammelt, ihre Füße sinken ein in losen Blättern und Gestrüpp. Sich hinsetzen. Sich erst einmal hinsetzen. Vela denkt: Ich setz mich. Sie setzt sich.“

Aber es sind auch diese Wiederholungen, die zum Spannungsaufbau beitragen, spürbar machen, wie sich die Situation zunehmend zuspitzt. Der Knall kommt dann trotzdem relativ leise daher. Dass auch hier „in der Ferne“ ein Hund bellt, während in der Kommunenküche die Dielen „knarzen“ – sei’s drum. Nach Das Rauschen in unseren Köpfen ist Svenja Gräfen mit Freiraum erneut ein ebenso bild- wie lebhafter, ernster wie humorvoller Roman gelungen!

Svenja Gräfen
Freiraum
ullstein fünf, 2019
Gebunden, 304 Seiten, 20 Euro

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4 Replies to “„Freiraum“: Die Suche nach einer Alternative”

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