„M“ – Eine Stadt sucht die Ekstase

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Noch ein Berlin-Roman? Ja und Nein: Mit „M“ begibt sich das Autorinnen-Duo Anna Gien und Marlene Stark in die Abgründe der Kunstszene. Das macht Spaß.

Ganze drei Seiten umfasst die Liste der Namen, denen die beiden Autorinnen ihr Buch widmen – und es sind ausschließlich weibliche Namen, von Hannelore und Uschi über Virginia, Marie-Antoinette und Sissi bis hin zu Cruella, Madonna und Frida. Ein Schulterschluss in Female Empowerment also, der den Tenor des Romans vorgibt?

M hat viele Schauplätze, innere wie äußere: Berlin und die Berliner Kunstszene, die viel stadtspezifisches in sich trägt, aber ähnlich auch in anderen urbanen Strukturen zu finden ist; Halbillegale Clubs in schummrigen Kellern, unordentliche Wohnungen mit zerwühlten Betten, krümelige WG-Küchen – und die Abgründe der eigenen Seele. Erzählende Hauptfigur ist eine Frau namens M. (ihr Name, ebenso wie die Namen aller weiteren weiblichen Figuren, werden abgekürzt, während die Männernamen ausgeschrieben werden), die als Künstlerin und DJane arbeitet.

Sie macht das, was man nunmal so treibt als Teil der urbanen Bohème: In besagten Kellerclubs rumhängen und ausgefallene Musik auflegen, Drogen konsumieren, sexuelle Spielarten ausprobieren und Grenzen von Macht und Machtlosigkeit austesten. Und sie produziert verquere Installationen, die nur über eine verkopfte Meta-Ebene halbwegs verständlich sind – oder auch nicht. Der sarkastische und abschätzige Blick auf die Kunstszene gehört für sie zum guten Ton dazu:

„Rainer arbeitet in einer der renommierteren Galerien in Berlin, die ein halbwegs ambitioniertes politisches Programm fahren. Elaborierte Kapitalismuskritik rauscht auf Hantarex-Röhrenmonitoren durch die sterile Leere des brutalistischen Betonbaus. Immerhin ein bisschen besser als ein Großteil der diskursiv halbgar aufgeladenen Wohnzimmerkunst, die einem zwischen geizig ausgeschenktem Riesling unter die Nase gehalten wird.“

So weit, so Berlin. Hier funktioniert die Gleichung Kunst = Drogen = Ekstase = sexuelle Ausschweifungen reibungslos und so lässt sich auch M., genderfluid und bisexuell, auf allerlei erotische Eskapaden ein; sie treibt sich in Darkrooms herum, hat Sex auf der Clubtoilette und organisiert Orgien mit Freunden – in diesem Buch wird gevögelt, was das Zeug hält. Immer ist M. dabei diejenige, die die Fäden in der Hand hält, den Spieß umdreht, die Männer erniedrigt und zum Spielzeug ihrer Lust macht. Female Empowerment auf radikale Art.

Man kann davon ausgehen, dass Anna Gien und Marlene Stark – ihres Zeichens in der DJ-Szene und der Kunstwelt tätig – hier einiges an persönlichen Erfahrungen haben einfließen lassen – auch ich habe ein paar Jahre in der Berliner Kunstszene gearbeitet und dementsprechend bei der Lektüre immer wieder herzlichen lachen müssen: Treffer versenkt! Doch den Roman als Kommentar zur geldgierigen Heuchelei und Doppelmoral der Kunstszene abzutun, würde ihm nur halb gerecht. Es ist ebenfalls ein Statement zu patriarchalen Unterdrückungsmechanismen und zu weiblicher Selbstbestimmung und -erniedrigung, er ist Pop-Literatur vom Feinsten. Dieser Roman beschönigt nichts, er ist rücksichtslos, heftig – und für mich ganz großes Kino.

Anna Gien & Marlene Stark
M
Matthes & Seitz Berlin, 2019
Gebunden, 248 Seiten, 20,-€

Erscheinen bei „Fräulein Julia“ am 20. März 2019

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