Sie lebten glücklich bis…

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Manche Romane ziehen sich wie eine Schlinge immer enger um den eigenen Hals: Das Debüt „Jesolo“ von Tanja Raich ist einer davon.

Meine Güte, denke ich über die Erzählerin, kannst du eigentlich keine eigenen Entscheidungen treffen? Selten hat mich ein Roman derart, ich nenne es mal, inhaltlich in Mitleidenschaft gezogen – und mich dennoch auf literarischer Ebene vollends überzeugt.

Jesolo, das ist ein Ort irgendwo in Italien, wo Gregor und Andrea seit einer gefühlten Ewigkeit ihren Sommerurlaub verbringen. Da ist zwar nicht viel los und überhaupt würde Andrea gerne mal etwas anderes sehen, aber Gregor ist nunmal ein Mensch mit Ritualen, Traditionen – und einer ziemlich spießigen Vorstellung vom Leben. Immer wieder drängt er Andrea dazu, sich zu entscheiden: Warum will sie nach all den Jahren (die beiden sind seit Teenagerzeiten ein Paar) nicht endlich zu ihm ziehen, in die Einliegerwohnung bei seinen Eltern? Wie schaut es aus mit Hochzeit, Kinder zeugen, Bausparvertrag?

Doch je häufiger er Andi die Pistole auf die Brust zieht, desto stärker zieht sie sich zurück. Schnell wird klar: Sie hat eigentlich ganz andere Pläne, möchte raus aus der Beziehung und hinein ins wilde Leben, am liebsten in Madrid. Aber wie kommt man aus fast zwanzig Jahren Partnerschaft raus, ohne alles kaputt zu machen? Und warum fühlt sich eigentlich jeder in ihrer Umgebung dazu berufen, ihr gute Ratschläge zu geben?

„Irgendwann wird deine biologische Uhr auch nicht mehr mitspielen, und dann ist es zu spät. Jetzt seid ihr im richtigen Alter. Irgendwann seid ihr zu alt, dann habt ihr keine Geduld mehr für ein kleines Kind. Dann bereut ihr es. Dann heißt es: Hätten wir doch. Wären wir doch. Aber es gibt kein Zurück.“

Das Schicksal, wenn man es denn so nennen mag, nimmt Andi erstmal die Entscheidung ab: Kurz nach dem Urlaub stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Und jetzt?

„Ich spiele Szenarien durch. Ich treibe ab. Ich betrinke mich. Ich schlage gegen meinen Bauch. Ich sage dir, dass ich schwanger bin. Ich sage dir, dass ich abtreibe. Ich sehe dein strahlendes Gesicht. […] Ich sage dir, dass ich glücklich bin. Ich sage dir, dass dieses Kind das Beste ist, was uns passieren konnte. Dass dieses Kind unser ganzes Leben zerstört. Ich sage, dass es mein Leben zerstört.“

Doch der Optionen gibt es zu viele, Andrea resigniert: Ohne Gregor kann und mag sie letztendlich doch nicht leben, kommt sie doch selbst aus einer zerrütteten Familie, in der die Mutter sie als Zehnjährige einfach zurück beim Vater ließ und sich nie wieder meldete. Kann man es ihr also verübeln, dass sie nicht mutig genug ist, noch einmal komplett neu – und alleine – anzufangen? Wir stecken als Leser*in nicht in ihrer Haut und doch macht sich zuweilen Wut über die Erzählerin breit: Komm schon, Mädchen, niemand zwingt dich, den Traum deiner Schwiegereltern und deines Partners zu verwirklichen! Was sind deine eigenen Träume?

Tanja Raich, 1986 geboren, hat in ihrem Roman eine Protagonistin geschaffen, die sich nach Strich und Faden selbst belügt, sich Illusionen hingibt, dass schon alles gut wird, wenn das Kind erstmal da ist, die bis zur Unerträglichkeit passiv bleibt und deshalb fast depressiv wird – die aber gleichzeitig mit ganz schön viel Zynismus und Ironie an das Thema Schwangerschaft und Familie rangeht (und an all die sicherlich gut gemeinten Ratschläge, was man während der neun Monate alles tun bzw. nicht tun darf). Ihre bitterbösen Kommentare behält sie letztendlich aber für sich. Schade eigentlich: Gerne hätte ich gelesen, wie Andrea irgendwann der Kragen platzt und das österreichische Heile-Welt-Szenario samt vorgeblich großzügiger Schwiegereltern mit Pauken und Trompeten in sich zusammenfällt. Oder tut es das am Ende doch? Das sei hier nicht verraten.

Tanja Raich
Jesolo
Blessing Verlag, 2019
Gebunden, 224 Seiten, 20 Euro